Anwalt ohne Argument: was tun?

Ich nahm heute an einer öffentlichen arbeitsrechtlichen Güteverhandlung in Hamburg teil. Gegenstand des Verfahrens waren ca. 11.000,00 EUR Heuer (so lautet die branchenübliche Bezeichnung der Vergütung, die Seeleute für ihre Dienste erhalten), die gegen Torben Hass - Inhaber der gleichnamigen Segelreederei - geltend gemacht werden.

Mein Mandant - ein Schiffsmechaniker - arbeitete über einen Monat lang an Bord der MV UNDINE (ein kleiner Frachtensegler, aber dennoch ein im Schiffsregister eingetragenes Handelsschiff). Er leistete auch etwa 200 Überstunden. Bezahlt wurde nichts.

Der gegnerische Anwalt leugnete die Existenz eines Heuervertrages (trotz Vorlage nebst eigenhändiger Unterschrift des Beklagten). Er bestand darauf, dass die Unterschrift des Beklagten von meinem Mandanten gefälscht wurde. Ich fragte, ob er den Vorwurf auch auf das von mir bereits vorgelegte Seemannsbuch und das Seglerbuch beziehen würde, die ebenfalls beide die eigenhändige Unterschrift des Beklagten tragen. Ich bekam keine Antwort.

Sodann kam der - noch nicht schriftsätzlich vorgetragene - Erguss, dass mein Mandant nicht als Schiffsmechaniker gearbeitet habe sondern durch seine Arbeit eine Art "Sacheinlage" zu erbringen beabsichtigte, denn er habe das Angebot des Beklagten akzeptiert, Teileigner der Reederei zu werden. Er sei also nicht Arbeitnehmer sondern Gesellschafter.

Fels in der Brandung?

Fels in der Brandung?

Ob man bei solchem Vortrag gelassen bleibt oder kräftig reagiert ist m.E. eine Stilfrage.

Zu erwähnen ist, dass die Argumentation des gegnerischen Anwaltes lediglich Verzögerungstaktik darstellte. Denn der Beklagte steht kurz vor der Insolvenz - sein Schiff, die MV UNDINE, wurde bereits ein Mal angekettet (d.h. unter Schiffsarrest gestellt, § 916 ZPO). 

Durch Nichtleistung ergattert der Beklagte sich also zu dem gesetzlichen Zinssatz gemäß § 246 BGB ein "Darlehen" auf Kosten meines Mandanten. Wer keine Bonität hat wird derartige Kredite durchaus als wirtschaftlich lukrativ betrachten müssen.

All dies führt zu der Frage: wie hat sich ein Anwalt ohne Argument zu verhalten?

Sicher gibt es Mandanten, die den Anwalt in gefährliche Gewässer lotsen, z.B. indem sie Behauptungen ins Blaue hinein von sich geben oder hartnäckig darauf bestehen, dass bestimmte Vorwürfe in die Schriftsätze aufgenommen werden. Dann stellt sich für den Anwalt die Frage, ob er Parteivortrag dieser Art direkt an das Gericht (und an die Gegenseite) weiterleitet oder ggf. eine gewisse Filterfunktion ausüben sollte.

Bei aussichtsloser Rechts- und Beweislage bestehen einige Mandanten darauf, dass auf verlorenem Posten weiter gekämpft wird und einige Anwälte - womöglich weil sie auf jeden müden Pfennig angewiesen sind - lassen sich zu gern zu solchen Abenteuern hinreissen. Dadurch schädigt man zugleich den Mandanten und das Vertrauen in unserem Rechtsstaat.

Es gehört nämlich zur Kunst des redlichen Anwalts nicht nur über Erfolgschancen zu sprechen sondern auch auf Risiken und Alternativen hinzuweisen. Ich glaube, dass alle Personen das Recht auf engagierte rechtliche Beratung und Vertretung haben - aber dazu gehört auch, dass der Anwalt seinem Mandanten aus gegebenem Anlass klipp und klar "nein" sagt.

Denn besonders der Anwalt ist wegen seiner Vertrauensstellung bestens in der Lage, seine Mandanten vor ihren eigenen schlechten Entscheidungen zu schützen. 

Dringt man so nicht durch, dann bleibt nur die Niederlegung des Mandats.

Wie man auf Englisch sagt: "You gotta know when to hold 'em - and when to fold 'em."

 

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